Hans-Dieter Karras

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Eine Nachlese meiner beruflichen Tätigkeit

Hans-Dieter Karras - Ein Braunschweiger Kirchenmusiker geht in den Ruhestand


Eine Ära geht zu Ende – sowohl für mich, als auch für die Klosterkirche und Braunschweig. Seit 1982 bin ich nun Kirchenmusiker in Braunschweig, angefangen an der Brüdernkirche-St.Ulrici, wo ich 19 Jahre als Kantor und Organist gewirkt habe. Und seit 2001 an der Klosterkirche Riddagshausen, nunmehr auch schon 24 Jahre. Beides waren Klosterkirchen, die eine der Franziskaner und die andere die der Zisterzienser. 

 

Und das war für mich prägend und wichtig, weil ich schon immer einen besonderen Bezug zur Gregorianik, der liturgischen und geistlichen Musik des Mittelalters hatte und dies in beiden Kirchen auch intensiv einbringen konnte. Schon in Sachsen und meinen ersten nebenberuflichen Kirchenmusikerstellen in Graupa bei Pillnitz und Königstein in Sachsen und anderen Aktivitäten als jugendlicher Student, profitierte ich von den damals noch weitgehend konservativ gestalteten liturgischen Gottesdiensten in Sachsen. Obwohl ich ein in Jena geborener Thüringer bin und große Teile meiner Familie dort gelebt haben. Studiert habe ich in an der Musikhochschule und der Kirchenmusikschule in Dresden und später an der Hochschule für Kirchenmusik in Herford. Weitere Studien folgten in Frankreich und England.

 

Deshalb ist die Orgel und Orgelmusik aller Couleur und Stile zu meinem besonderen künstlerischen Wirken geworden. In der Brüdernkirche konnte ich am Neubau der Steinmann-Orgel maßgeblich mitwirken und gründete dort die Internationalen Orgelkonzerte. An der Klosterkirche Riddagshausen habe ich dann den „Internationalen Riddagshäuser Orgelsommer“ gegründet und zu großer Beachtung über die Stadtgrenzen hinausführen können, inzwischen in der 22. Saison. Viele bedeutende Organistinnen und Organisten aus der ganzen Welt, ja aus fünf Kontinenten, haben bei uns gerne konzertiert und zum Erfolg beigetragen. 2023 konnte ich noch die Restaurierung der Führer-Orgel durch den Braunschweiger Orgelbauer Florian Fay begleiten. Leider haben wir aus finanziellen Gründen nicht alles durchführen können, was ich gerne als Verbesserung des Instrumentes gehabt hätte. Auch die Restaurierung der Hillebrandt-Kleinorgel an der Taufe muss nun mein Nachfolger versuchen durchzusetzen. Dennoch hat gerade der Orgelsommer wesentlich meine Arbeit geprägt.

 

Und das fing auch schon in der Brüdernkirche an, wo ich an der noch unfertigen Steinmann-Orgel Samstags um 11 Uhr die Orgelmatineen startete. 55 Minuten Orgelmusik und im Anschluss um 12 Uhr die Sext, das liturgische Mittagsgebet. Begonnen hat die Serie an dem damals einzig fertigen Werk, dem auch später eigenständig spielbaren Rückpositiv mit Pedal, wo der Subbass 16‘ aus dem Groß-Pedal schon spielbar war und als barocke Spielerein das Vogelgeschrey und der Zimbelstern einsetzbar waren. 1958 erstellte der Hildesheimer Orgelbauer Ernst Palandt eine Chororgel in einem historischen Barockgehäuse, das aus Nordhessen angekauft wurde. Diese Chororgel wurde 1978 in das Hauptschiff versetzt und als Rückpositiv in die jetzige Orgel übernommen, die von 1980 bis 1991 von der Firma Gustav Steinmann aus Vlotho-Wehrendorf gebaut wurde. Ganz viel Orgelmusik ist in dieser Zeit erklungen und die Auswahl der Werke wuchs mit der langsamen Fertigstellung der Orgel. Ungefähr 1988 wurden sie durch die Orgelmusiken vor der Vesper abgelöst.

 

Aber nicht zu vergessen auch die unzähligen tollen Konzerte bei den „Braunschweiger Kreuzgangmusiken“ in der Brüdernkirche, welche ich als Intendant fast 19 Jahre betreuen durfte. Dabei haben zahlreiche tolle Musiker Kammermusik vom Feinsten geboten, so u.a. der Chopin-Spezialist Juan Moll Marquès aus Palma de Mallorca, die Violinisten Lukas David und Josef Ziga, der Pianist und Organist Hans-Dieter Meyer-Moortgat mit seinen unvergessenen Interpretationen der Liszt und Reubke Klaviersonaten. Ebenso unvergessen die Löwe Balladen mit dem Bass Erik Stumm. Und viele Konzerte mit dem früheren Solo-Cellisten Heinz Eigen mit den Brahms und einigen Beethoven Sonaten, aber auch Hindemith u.a. jüngere Komponisten. Viele Liederabende haben diesen Zyklus in der einzigartigen Atmosphäre des Kreuzgangs geprägt. Einer der Höhepunkte die Liebeslieder-Walzer von Brahms solistisch mit Klavier zu vier Händen. Und auch Uraufführungen hatten wir z.B. mit dem Zeit-Liederzyklus des in Peine geborenen und in Wolfenbüttel lebenden Komponisten Hans-Wilhelm Plate.

 

Viele Musikerinnen und Musiker haben mich auf meinem Weg begleitet und der Klosterkirche wunderbare musikalische Momente geschenkt. Neben den Ensembles der Klosterkirche wie den Posaunenchor der Propstei Braunschweig unter seinem Leiter Kantor Jürgen Schwanke, dem Riddagshäuser Kammerchor unter Leitung seines Dirigenten Georg Renz, der übrigens auch meine 1. Sinfonie in Helmstedt uraufgeführt hatte. Darunter aber besonders der Solotrompeter des Staatsorchesters Dennis Melzer bei den Osterkonzerten und der Saxofonist Holger Lustermann bei den Pfingstkonzerten. Und nicht zu vergessen Gheorghe Herdeanu, seinem Sohn Benjamin und seinem Trompetensemble, sowie Lukas Michaely an den Pauken. Eine besondere Freundschaft und Zusammenarbeit verbindet mich mit dem Konzertmeister im Staatsorchester Josef Ziga, dem genialen Violinvirtuosen. Besonders dankbar bin ich meinem Freund, CD-Produzenten und Verleger Andreas Lamken, der mich als Künstler entdeckt und gefördert hat. Mehr als 25 CDs sind in Jahrzehnte langer Zusammenarbeit entstanden. Höhepunkt sicher die Aufnahme der Orgelkonzerte von Josef Rheinberger in Zittau mit der damaligen Lausitzer Philharmonie und die Gesamteinspielung der Werke von Theodore Dubois in der Madeleine Kirche Paris, an der großen Cavaillé-Coll Orgel wo Dubois selbst Organist war und des Gesamtwerkes für Orgel von Arthur Foote in der Episcopal Church oft he Incarnation in Dallas/TX mit der wunderbaren Aeolian-Skinner / Fritz Noack Orgel. Und dabei nicht zu vergessen, die „Orgelmusik von Acht bis Mitternacht“ in der Brüdernkirche. Ich hatte sie gegründet, um weiteres Geld für den Orgelbau zu sammeln und auf den in Etappen stattfindenden Orgelneubau aufmerksam zu machen. Von 1990-1999 gibt es davon auch Live-Mitschnitte auf CD durch „prospect“ Tondokumente, die ein gewaltiges Spektrum der Orgelmusik zeigen. Die meisten Konzerte habe ich dabei selbst gespielt, ein Marathon mit vier Stunden Programm! Die Aufnahmen sind heute auf Plattformen wie Amazon Music, Spotify und YouTube digital zugänglich. Das gilt auch für fast alle meiner vielen Aufnahmen jedenfalls mit Andreas Lamken und seinem Label.

 

Aber auch mein Interesse an zeitgenössischer Musik konnte ich an beiden Klosterkirchen bei zahlreichen Konzerten mit Erfolg durchführen. Dabei haben meine Improvisationspartner Warnfried Altmann (Saxofon) und Hermann Naehring (Percussion) und auch Vlady Bystrov eine wichtige Rolle gespielt. Diese bereicherten auch viele unserer Konzerte mit den beiden Scholen. Und so komme ich wieder zur Gregorianik und Musik des Mittelalters zurück. Meine Tochter Eva-Maria unterstützte diese Arbeit besonders und hatte vor drei Jahren die Idee zu „Klangmeditationen zu Liedern der Hl. Hildegard von Bingen“. Deren ausdrucksstarke Lieder, die wunderbare Stimme meiner Tochter und meine Improvisationen an Portativ, Orgel und anderen Instrumenten haben nochmals ein neues Publikum für die Musik und die Klosterkirche gewinnen können. Angefangen mit 20 Teilnehmenden sind es jetzt fast immer ca. 150 Teilnehmende gewesen. Dies würde ich gerne auch in Zukunft fortsetzen, genauso wie die Arbeit mit den beiden Scholen. Und sicher wird man mich in Zukunft auch immer mal wieder als Vertretung an der Orgel im Sonntagsgottesdienst hören und sehen und bei dem einen oder anderen Orgelkonzert, solange die Finger noch mitmachen.

 

Vier Pfarrer hatte ich in diesen 24 Jahren an der Klosterkirche erleben können. Dabei lernte ich von Thomas Hofer (OLKR im Landeskirchenamt), das in der Kürze die Würze liegt. Es folgten Güntzel Schmidt und Bernhard Knoblauch. Besonders dankbar bin ich über die Förderung und das Interesse an meiner Arbeit durch Ulf Weber, dem wir u.a. eben die Unterstützung der Klangmeditationen verdanken. Und auch unserer Gemeindepfarrerin Sabine Wittekopf danke ich für die angenehme Zusammenarbeit. Nun hoffe ich auf einen Nachfolger, der diese doch reichhaltige kirchenmusikalische Arbeit weiterführt und den „Internationalen Riddagshäuser Orgelsommer“ fortführt und interessante Künstlerinnen und Künstler nach Braunschweig holt. Ich freue mich, dass mein Posten künftig vom neuen Landeskirchenmusikdirektor übernommen wird, und sehe meinem nächsten Lebensabschnitt gelassen entgegen – eher als Emeritus denn im Ruhestand. Nun ist die Zeit da, mein kompositorisches Werk weiter zu betreiben und den 6 bisherigen Sinfonien für Orchester weitere folgen zu lassen, wie auch Kirchenmusik und Orgelwerke.

Kommentare von Freunden und Kollegen

Andreas Kling (Technical Consultant bei IAV GmbH und Organist an St.Marien Querum)

Lieber Hans-Dieter, es ist schön zu hören, dass die Stelle hochkarätig besetzt wird und somit dein Erbe an der Klosterkirche weitergeführt wird.

Für mich ist es auch mit ein wenig Wehmut verbunden, dass du nun aus dem aktiven Dienst ausscheidest. Als ich 1992 als 19-jähriger Frischling nach Braunschweig kam, warst du für mich eine der Identifikationsfiguren in Sachen Kirchenmusik. Ob es damals in der Brüdernkirche war - mit den 50 Minuten Orgelmusik vor der Vesper, die ich ja auch einige Male spielen durfte -, oder später in Riddagshausen mit den Musikgruppen - du hast immer mehr geleistet als vorgeschrieben, dich nie mit dem "Dienst nach Vorschrift" begnügt. Leider wurde das ja insbesondere in Brüdern nicht wirklich gewürdigt.

Ich wünsche dir nun ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins Neue Jahr. Und ich wünsche dir alles Gute für den Ruhestand: dass dir hoffentlich noch möglichst viele gute Jahre bleiben, in denen du - befreit von den Pflichten das Amtes - möglichst viel von dem tun kannst, was dir wirklich Freude bereitet.

Nachtrag: Ich denke auch an deine Tätigkeit als Orgelsachverständiger, der auch ältere Orgeln zu schätzen wusste und sich für ihre Erhaltung eingesetzt hat.

Herzlich grüßt dich Andreas

 

Michael Utz (Fachbereichsleiter Kirchenmusik und Künstlerseelsorge bei Erzbistum Köln, Künstlerischer Leiter bei Freundeskreis Abtei Brauweiler e.V.)

Lieber Hans-Dieter, ich wünsche dir alles Gute für deinen neuen Lebensabschnitt und am Donnerstag einen schönen Gottesdienst! Als Jugendlicher war ich Dauergast bei deinen Orgelkonzerten in der Brüdernkirche. Du hast ganz wesentlich dazu beigetragen, dass ich mich für die Orgel begeistert habe und dass aus dieser Begeisterung letztlich mein Beruf geworden ist. Dafür bin ich dir sehr dankbar!!

 

Carsten Böger (Technischer Redakteur bei IDEM Automotive GmbH)

Nun ist es also soweit. Für die Zukunft Alles Gute, lieber Hans-Dieter Karras. In Erinnerung bleiben für mich die Orgelmusik von Acht bis Mitternacht in Brüdern, unsere Nachtsession mit Magnichor und Mathias Stanze ebendort mit der Aufnahme der Jongen-Messe mit dem Andreas-Lamken-LKW vor der Tür, Deine versierte Orgelbegleitung bei diversen Chorprojekten und die Gastauftritte in Albertus Magnus und im Hildesheimer Dom. Zusammen mit dem anderen Hans-Dieter (M.-M.) hast Du mir Orgeldimensionen eröffnet, die mir zuvor unbekannt waren. Da Du ja wahrscheinlich in den Unruhestand gehst, wirst Du uns an den Spieltischen dieser Welt hoffentlich erhalten bleiben.

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